Special
Julia Neigel in Bad Säckingen
„Stell Dir vor, Julia Neigel kommt nach Bad Säckingen, und keiner geht hin.“
Über 600 Plätze hat das Gloria-Theater in Bad Säckingen. 600! Für eine Ausnahmekünstlerin, wie Julia Neigel eine ist, ist das eine gerade zu lächerliche Zahl. Dass gerade einmal 133 Tickets verkauft wurden, liegt – soviel steht nach dem Konzert fest! – nicht an der Qualität der Künstlerin, sondern eindeutig am Phlegma der Bad Säckinger. Wie sonst ist es zu erklären, dass so wenige an einem Samstagabend den Weg ins Gloriatheater finden – und die, die da sind, hatten auch noch eine kilometerlange Anfahrt? Manchmal versteht man nicht, warum schier einzigartige kulturelle Angebote nicht wahrgenommen werden. Diese Vorstellung war für den Standort Bad Säckingen jedenfalls absolut kein Glanzstück und lässt nur den Schluss zu, dass diese Stadt Künstler vom Format einer Julia Neigel schlicht und ergreifend nicht verdient hat.
Julia
Neigel in ihrem Element.
Mit „Schatten an der Wand“ kam sie Ende der 80er Jahre richtig groß raus, verkaufte Millionen Alben mit der „Jule Neigel Band“ und lieferte sechs mehr oder weniger erfolgreiche Platten ab, die der Sängerin Julia Neigel eine breite Fanbase schufen. Dann der Bruch mit der Band und jahrelange Rechtsstreitigkeiten. Und die Musik? Ausgebremst. Seit mehreren Jahren kein Studioalbum mehr. Wer kann es ihr verdenken, nachdem man ihr so übel mitgespielt hat und eine jahrelang erfolgreiche Zusammenarbeit derart verheerend endete? Seit etlichen Jahren schon tourt Julia Neigel durch die Republik, feiert Erfolge mit Akustikkonzerten, ihrer „Stimme mit Flügel(n)“-Reihe und ihrer Rockschiene. Nun also Akustik in Bad Säckingen.
Zweimal wunderte sich Julia Neigel auf der Bühne, wie wenig Leute im Gloria zu sehen sind. Da war „Fremdschämen“ angesagt. Die, die da waren, rockten jedoch mit der Ausnahmestimme die Bühne und bewiesen, wie wenig Menschen ganz viel Spaß haben können. Stehend, mitwippend, klatschend ging das Publikum mit Julia Neigel mit, was sie am Ende zu der Äußerung veranlasste: „… Ihr seid ein wunderbares Publikum!“ Schließlich war man als Band im Vorfeld schon gespannt, was einen in Bad Säckingen erwarte, so Neigel auf der Bühne weiter. Man habe sie überrascht und es sei eine Ehre gewesen, „…heute für Euch spielen zu dürfen.“ Sie freue sich, wie Julia Neigel im Gespräch mit dem Publikum sagte, Musik machen zu dürfen. „Warum ich Musik mache? Weil ich Menschen glücklich machen will.“ Man glaubt es ihr, so echt und natürlich kommt sie rüber. Erstaunlich und rundum sympathisch.
Ein Profi mit Powerstimme!
Langsame und gefühlvolle Songs, wie „Ich bin da“ und (natürlich) „Weil ich Dich liebe“ wechselten sich mit dem stimmungsvollen „Ordinary World“ von Duran Duran und dem Glanzstück „Etienne“ von Patti Guesch ab. Dabei verliert Julia Neigel niemals die Kontrolle über sich, ihre drei Musiker und das Publikum. Ein Profi stand auf dieser Bühne, was vollkommen spürbar wurde. Bereits beim Soundcheck, bei dem Musicsection.de dabei sein durfte, wurde deutlich, wie gut sich die vier auf der Bühne verstehen. Mit ihrem großartigen Gitarristen Jörg Dudys, dem eindrucksvollen Keyboarder Simon Nicholls und dem durch und durch sympathischen Percussionisten Dalma Lima riss eine elegant, aber auch sexy gekleidete Julia Neigel ihr Publikum von Anfang an mit und zeigte eindeutig, was für ein Routinier im Gloria zu sehen war. Professionell, ja – aber eben mit viel Kontakt zu den Leuten im Saal. Ständig sprach sie mit ihrem Publikum, fragte, hakte nach, kam bei „Stern“ von der Bühne, schüttelte Hände und dankte ehrlich fürs Kommen. Man durfte eine Julia Neigel erleben, die man vielleicht so nicht erwartet hätte.
Da
schlagen Fanherzen höher...
Ein toller Einfall war, bei „Wärst Du bei mir“ einen Zuhörer aus dem Publikum zu holen, um mit ihm zusammen zu singen. Fast, aber nur fast wäre das in Bad Säckingen nicht durchführbar gewesen. Doch dann meldete sich doch eine junge Frau und ging mutig und tapfer auf die Bühne, um mit Julia zu singen.
2010 kommt das nächste Studioalbum. Drei Songs wurden in Bad Säckingen schon einmal angetestet, u. a. der Song „Teufel“, der überzeugend hart und stimmlich erneut herausragend ausfiel. Da lässt es sich auf ein tolles neues Album hoffen – und freuen!
Nach über drei Stunden endete das Akustikkonzert von Julia Neigel und ihren wunderbaren Musikern. Drei Stunden voller großartiger Songs, vielen lustigen Geschichten und ausdrucksstarken Gesichtern auf der Bühne. Ein Ereignis, bei dem viele Zuhörer viel hätten mitnehmen können. Die Liebe zur Musik kam jedenfalls an und hat 133 Menschen an diesem Abend sicherlich ein kleines Stück glücklicher gemacht.
Thomas Ays, Stefanie Rufle
Musicsection.de
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