Special

Openair St. Gallen 2010

Die Sonne lockt, das Line-Up rockt!

Flipflops, Sonnenbrillen und möglichst knappe Klamotten waren die angesagtesten Festivalaccessoires, als das Openair St. Gallen am vergangenen Donnerstag zum 34. Mal seine Pforten öffnete, um die ersten Nachtschwärmer im idyllischen Sittertobel Willkommen zu heißen. Während sich die Massen vergangene Woche auf anderen Festivals Schlammschlachten lieferten und tapfer monsunartigem Regen trotzten, hat das Openair St. Gallen etwas zu bieten, das man sich nicht kaufen kann: Wohlfühltemperaturen, die bei prallem Sonnenschein und ohne die Spur eines einzigen Regentropfens genossen werden konnten. Gefüllt wurden die durchgehend sonnigen Festivaltage mit einem gewohnt abwechslungsreichen Line-Up. Die Genrespanne weit geöffnet, durften sich Rock-, Indie-Rock-, Elektro-, Reggae- und HipHop-Fans vom 24. bis zum 27. Juni auf ein kurzweiliges und buntes Musikprogramm freuen.

Für die Schotten von Biffy Clyro waren die sonnigen Aussichten Grund genug, sämtliche T-Shirts sogleich Zuhause zu lassen, um den ersten lauten Startschuss auf der Sitterbühne oberkörperfrei abzufeuern. Nachdem die Rockband im vergangenen Jahr ihren Auftritt im gemütlichen Schweizerland kurzfristig absagen musste, sorgten sie in diesem Jahr problemlos für ordentliches Gedränge vor der Bühne. Etwas schwieriger hatte es da schon die Alternative-Rock-Band 30 Seconds to Mars rund um Jared Leto, deren Auftritt im Spielplan zeitgleich zu dem WM-Spiel Schweiz gegen Honduras fiel. Ein hartes Konkurrenzspiel; für etliche Festivalbesucher jedoch eine leichte Entscheidung. Noch während sich Hayley Williams, Frontfrau der Paramores, die Seele nicht nur aus dem Leib sang, sondern auch tanzte, nahm die Menge vor der Sternenbühne langsam aber sicher eine andere Farbe an: Von allen Seiten strömten Fans in weiß-rotem Nationalgewand unter das Zeltdach, um ihrer Elf mit „Hopp Schwiiz“-Rufen eifrig, aber leider vergebens Beistand zu leisten. Über den WM-Ausschied sollten schließlich The Strokes hinwegtrösten, die das Publikum durch ihren stimmungsvollen Auftritt wieder zur Essenz des Festivals zurückführten. ‚Live on stage‘ verlieh sich die US-amerikanische Rockband mühelos eine ganz besondere Note, die zum ausgewogenen ‚Vergessen‘ hervorragend beitrug. Spätestens nachdem die ersten Beats von LCD Soundsystem aus den Lautsprechern über die Menge dröhnten und der Vollmond beruhigend über der Menge wachte, war das Fußballgedöns endgültig vergessen. Schwerelos gab man sich den perfekten Klängen der LCDs hin und wog sich wild in deren basslastigen Sounds.

Dass man über die WM dennoch nicht all zu viele Worte verlieren sollte, zeigte sich am ‚Tag danach‘, an dem das Festivalvolk weniger gut auf den Ausschied ihrer Nationalelf zu sprechen war – was vor allem Dokter Renz von Fettes Brot zu spüren bekam. Eigentlich wollte er etwas über die große Kluft zwischen Reich und Arm erzählen, als er plötzlich beim Fußballthema landete und die Schweizer für ihren Ausschied bemitleidete. Eigentlich nett gemeint, stößt die Aussage gleich auf eine Mauer voller pfeifenden und buh-rufenden Fans. Das bemerkenswerte Gemeinschaftsgefühl der Schweizer macht sich einige Minuten gleich nochmals bemerkbar, als eine rund 10-Kopf starke Truppe plötzlich in die Hocke geht und kurze Zeit später der gesamte linke Flügel auf dem Boden kauert. Warum? Das weiß wohl niemand so genau. Macht auch nichts, denn die gemeinsame Geste zählt und unterstreicht das begeisternde und beglückte Miteinander beim Openair St. Gallen. Irgendwie ähnlich verhält es sich wohl auch mit der Migros-Lounge, die sich groß auf dem Festivalgelände auftürmt. Man stelle sich auf einem deutschen Festival eine Edeka- oder gar Aldi-Lounge vor…

Dass Schweizer Produkte auch auf dem musikalischen Sektor für hohe Qualität stehen, zeigte sich, als es auf der Sternenbühnen hieß: Manege frei für die Zirkusband Bonaparte. Mit einer gewohnt ausgefallenen Bühnenperformance präsentierte sich der gebürtige Berner Tobias Jundt mitsamt seinen Zirkustieren und frivolen Mädchen in rosa Röckchen von seiner gewohnt originellen Seite. Der genreübergreifende, freakige Sound und die ausgefallenen Textzeilen gehen den Zuschauern schnell in Mark und Bein über. Bald schon kennt man auf die obligatorische Frage „Do you want to Party?“ nur eine Antwort und feierte eine der abgefahrensten Konzerte des gesamten Festivals mit voller Energie mit. Zurück zur Rockmusik und durchsichtigeren Tönen führt schließlich die britische Band Kasabian, die ihrem Headliner-Status auf dem Openair St. Gallen alle Ehre bereitete und zur späten Samstagabendstunde eine elektrisierende Atmosphäre vor der Sitterbühne heraufbeschwor. Nicht nur stimmlich, sondern auch musikalisch auf ganzer Linie überzeugend, dürfte Kasabian als Abräumer des Festivals verhandelt werden. Währenddessen langweilt sich eine kleine Festivalabteilung vor der gegenüberliegenden Sternenbühne zusammen mit Tocotronic zu Tode. Mit ihren depressiven Texten geben sich die Hamburger alle Mühe nicht in ihrer Melancholie zu versumpfen - was weniger überraschend nur minder gut gelingt.

Auch 2010 bleibt im Rückblick ein rundum positiver Eindruck vom Openair St. Gallen zurück. Wer in überschaubarer Menge ein gemütliches und abwechslungsreiches Festival erleben möchte, ist im Schweizer Sittertobel prima aufgehoben – oder um mit einheimischen Worten zu sprechen „s´war huregeil!“.

Kathrin Lang
Musicsection.de


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